Germany
February 4, 2026
Anna Backhaus und Andreas Börner - IPK Leibniz-Institut/ S. Balyberdin
Anna Backhaus hat die Arbeitsgruppe „Ressourcengenetik und Reproduktion“ von Andreas Börner übernommen. Anlass genug, um beide zum Doppelinterview im „Vavilov-Gebäude“ zu treffen.
Herr Börner, Sie sind seit 1985 am Institut. Wie sind Sie nach Gatersleben gekommen? Und wie sah Ihr erster Arbeitstag aus?
Andreas Börner: Ich habe Pflanzenzüchtung an der Universität Halle studiert und kannte das damalige Institut für Genetik und Kulturpflanzenforschung vor meiner Bewerbung schon von Exkursionen her. Auch damals wurde hier schon Spitzenforschung betrieben, das hat mich als junger Forscher begeistert. Die Situation war für junge Wissenschaftler damals aber nicht so kompetitiv wie sie heute ist.
An meinem ersten Tag habe ich mich in der „Kaderabteilung“ gemeldet und wurde in mein Arbeitszimmer geführt. Ein Raum für vier Doktoranden. Jeder hatte einen Schreibtisch und einen Stuhl, das war’s. Ich hatte aber als einziger einen Taschenrechner, den hatte ich mir zuvor im Intershop gekauft.
Und wie war das bei Ihnen, Frau Backhaus?
Anna Backhaus: Eigentlich war es recht ähnlich. Ich war zunächst im Personalwesen und kam dann in mein Büro mit Schreibtisch und Stuhl. Ich hatte jedoch keinen Taschenrechner dabei wie Andreas Börner, sondern es stand schon ein Laptop für mich bereit und eine Kollegin hatte mir eine Blume auf den Tisch gestellt, das war sehr nett. Danach habe ich Andreas Börner und Nils Stein getroffen, und im Anschluss ging es mit der Arbeit los.
Was haben Sie vorher gemacht? Was hat Sie an der Stelle am IPK gereizt?
A. Backhaus: Ich habe insgesamt acht Jahre am John Innes Centre gearbeitet und mich dort mit der molekularen Genetik von Weizen beschäftigt. Danach war ich fast drei Jahre bei ICARDA, dem Internationalen Zentrum für Agrarforschung in Trockengebieten in Marokko. Dort ging es vor allem um die Vorzucht von Getreide. Ich stamme aus Bonn, arbeite nun aber tatsächlich das erste Mal in Deutschland.
Und wann haben Sie beide sich eigentlich das erste Mal getroffen?
A. Backhaus: Am Nikolaustag 2024, das werde ich nicht vergessen, denn an dem Tag habe ich mich mit einer Präsentation im Hörsaal am IPK vorgestellt.
Die Genbank ist ohne Frage das Herzstück des IPK, das spiegelt sich ganz aktuell auch in der neuen Forschungsstrategie wider. Wann wurde Ihnen die Verantwortung für Teile der Genbank übertragen?
A. Börner: Ich hatte zunächst eine Nachwuchsgruppe. Und 1996 hat der Wissenschaftliche Beirat beschlossen, mir ab 1. Januar 1997 die Verantwortung für den Reproduktionsanbau und die Langzeiterhaltung zu übertragen.
Alle kennen die Kühlkammern mit den Weckgläsern, und die meisten wissen auch, dass regelmäßig Duplikate der Muster nach Spitzbergen in den „Global Seed Vault“ geschickt werden. Was aber gehörte noch zu Ihrem Aufgabenspektrum?
A. Börner: Der Reproduktionsanbau ist schon die Kernaufgabe. Es geht aber auch darum, Evaluierungsdaten zu erstellen und einzupflegen, Material für das Herbarium bereit zu stellen und Saatgut zu versenden. Pro Jahr verschicken wir zudem rund 20.000 Saatgutmuster an interessierte Personen, Einrichtungen oder Züchter.
Wie hat sich Ihre Arbeit im Laufe der Jahre verändert?
A. Börner: Die Prozesse sind im Grundsatz dieselben geblieben, aber zwei Punkte möchte ich hervorheben: Früher haben wir meist mit Karteikarten gearbeitet und die meisten der Daten wurden nur intern genutzt. Die Digitalisierung hat da natürlich vieles geändert und heute greifen Interessentinnen und Interessenten aus der ganzen Welt auf unsere Daten zurück.
Wie fühlt es sich für Sie rückblickend an, diesen „Schatz“ mit erhalten und gepflegt zu haben?
A. Börner: Natürlich erfüllt es mich auch mit Stolz, dass wir die Akzessionen in der Genbank über eine so lange Zeit in hoher Qualität erhalten haben. Und Sie haben Recht: es handelt sich um einen Schatz. Den wollte ich für uns, unsere Kinder und unsere Enkel erhalten. So habe ich das auch oft bei Führungen durch die Genbank erklärt.
Wie ist es für Sie als junge Wissenschaftlerin solch einen „Schatz“ mit seinen 130.000 Mustern alleine am Standort in Gatersleben übergeben und anvertraut zu bekommen?
A. Backhaus: Ich empfinde das als großes Privileg. Am Anfang standen Vorfreude, aber auch eine gewisse Aufregung. Die hat sich aber schnell gelegt, als ich gemerkt habe, dass hinter der Genbank ein phantastisch eingespieltes Team steht.
Waren Sie sofort Feuer und Flamme, als Sie die Ausschreibung für die Stelle gesehen haben oder haben Sie noch Bedenkzeit und Ratgeber gebraucht?
A. Backhaus: Ich habe immer von genau dieser Stelle geträumt, um ehrlich zu sein. Als ich dann aber die Ausschreibung gesehen habe, da habe ich doch kurz gezögert und brauchte erst noch einen Schubser von meinem Doktorvater. Und dann habe ich den Sprung in die Verantwortung auch gerne gemacht.
Wie haben Sie die Übergabe gestaltet?
A. Börner: Auf der einen Seite habe ich Anna Backhaus viel erklärt, auf der anderen Seite sie auch gleich mit in die tägliche Arbeit eingebunden. Sie war also beispielsweise von Beginn an bei den wöchentlichen Treffen mit den Leiterinnen und Leitern der Sortimentsgruppen und Peter Schreiber dabei. Und viele Dokumente haben wir zuletzt zusammen erstellt, etwa das Forschungs- und Entwicklungsprogramm oder auch die Geräteplanung.
Die kontinuierliche Weiterentwicklung der Genbank zum weltweit führenden „biodigitalen Ressourcenzentrum“ geht natürlich weiter. Doch was verbirgt sich ganz konkret hinter dieser Neudefinition von Genbanken?
A. Backhaus: Über Begrifflichkeiten lässt sich natürlich immer streiten, aber die Idee, die dahintersteckt, ist auf jeden Fall genau die richtige. Es geht darum, dass wir die Daten in bester Qualität weltweit bereitstellen und die Nutzerinnen und Nutzer genau die Daten finden, die sie für ihre jeweilige Fragestellung brauchen. Dabei geht es unter anderem um phänotypische und genetische Daten, aber natürlich auch Passport-Daten zur Herkunft und taxonomischen Bestimmung der Akzessionen.
Was sind die Fragestellungen, die Sie selbst als nächstes angehen möchten?
A. Backhaus: Mein Schwerpunkt liegt auf den Wilden Verwandten von Getreide. Deren genetisches Potenzial möchte ich durch verbesserte Kreuzungen mit Kulturpflanzen nutzbarer machen, damit wir das große Potenzial dieses schwierigen Genpools noch besser nutzen können.
Die Genbank stand nicht nur im Fokus der Medien, sondern ist bis heute Höhepunkt einer jeden Institutsführung. Beides zu bedienen, hat ihnen immer Spaß bereitet. Warum?
A. Börner: Ja, es war mir tatsächlich immer ein Bedürfnis, anderen Menschen zu erklären, was wir hier machen. Das betrifft Journalistinnen und Journalisten, aber auch die Gruppen am Tag der offenen Türen. Einige Leute hatten schon vom Internationalen Saatguttresor „Global Seed Vault“ auf Spitzbergen gehört, aber wenn sie sehen, dass es genau so eine Genbank auch bei ihnen vor der Haustür gibt, dann ist das immer ein großer Aha-Effekt.
Ihr Interesse geht aber auch über die reine Wissenschaft hinaus. Sie haben unter anderem großes Interesse an dem neuen Diskursprojekt, das das IPK und die Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle gerade auf den Weg bringen. Woher kommt dieses Interesse?
A. Backhaus: Der Dialog mit anderen Disziplinen hat mich schon immer gereizt, seien es Philosophen, Klimaforscher oder Industriedesigner, wie jetzt beim Diskursprojekt mit der Burg Giebichenstein. Und die Biodiversität, die wir hier erhalten, ist dafür eine sehr gute Schnittstelle.
Und, Herr Börner, Hand auf’s Herz: wie schwer fällt Ihnen der Abschied von „Ihrer“ Genbank?
A. Börner: Natürlich ist es nach 40 Jahren am Institut und 30 Jahren Verantwortung für die Genbank ein Einschnitt, keine Frage. Aber ich bin überzeugt, dass Anna Backhaus nicht nur die Qualität der Erhaltung auf dem bisherigen Niveau fortsetzen wird, sondern auch neue Impulse setzen wird. Es ist aus meiner Sicht wichtig, nach einer so langen Zeit einige Dinge neu zu betrachten und das Profil neu zu schärfen. Ich bin mir ganz sicher, dass die Genbank bei ihr in guten Händen sein wird.